Die Soziale Arbeit und das Digitale
Menschenrechtliche und professionsethische Perspektiven
Abstract
Die beiden Begriffe Megatrend und Hyperobjekt stammen von zwei US-amerikanischen Autoren aus zwei unterschiedlichen Generationen. Der Begriff Megatrend wurde von dem Politikwissenschaftler John Naisbitt in seinem Buch Megatrends. Ten New Directions Transforming Our Lives aus dem Jahr 1982 eingeführt und ist mittlerweile zu einem populären Schlagwort geworden. Megatrends bezeichnen Prozesse, die sich über einen längeren Zeitraum entwickeln und zu umfassenden Verschiebungen und nachhaltigen Richtungswechseln führen, die Gesellschaften grundlegend verändern, das Alltagsleben prägen und auch in die Zukunft hinein wirksam bleiben, z. B. die globale Bevölkerungsentwicklung oder die zunehmende Internationalisierung der Finanzmärkte. Insofern sind Megatrends keine flüchtigen Modeerscheinungen. Der Begriff Hyperobjekt wurde erstmals im dem 2010 veröffentlichten Buch The Ecological Thought des Literaturwissenschaftlers Timothy Morton definiert. Hyperobjekte sind Phänomene oder Ereignisse, deren Massivität, Ausmaß und Interaktivität das menschliche Fassungsvermögen übersteigen. Dabei ist es kaum möglich, eine Unterscheidung von natürlichen und kulturellen Hyperobjekten zu treffen, denn Beides – das Ökologische und das Technische – interagieren miteinander. Beispiel: der Klimawandel und die Erderwärmung entstehen aus einem komplexen, räumlichzeitlichen Zusammenspiel zwischen der Sonneneinwirkung, meteorologischen und geologischen Prozessen, der Verbrennung von fossilen Brennstoffen, industriellen Kohlendioxidemissionen, Konsumverhalten und unüberschaubar vielen anderen Variablen. Trotz aller inhaltlichen Unterschiede repräsentieren die Begriffe Megatrend und Hyperobjekt die Idee von raumgreifender Dynamik, Komplexität, Transformation, Unumkehrbarkeit, Überwältigung, Macht und Ohnmacht. Ihnen ist zudem gemeinsam, dass sie einen enormen Einfluss auf die Psyche von Einzelpersonen sowie auf das gesamte soziale Zusammenleben ausüben.
Kein anderes soziales und technologisches Phänomen der Gegenwart erfüllt in geradezu idealtypischer Weise die Konnotationen des Megatrends und des Hyperobjekts so sehr wie die Digitalisierung – bzw. je nach Lesart – der digitale Wandel, die digitale Transformation oder die digitale Revolution. Kein anderes Phänomen hat in den vergangenen Jahrzehnten das Öffentliche und Private mehr verändert und durchdrungen: die Arbeitswelt, die Politik, die Ökonomie, die Medienlandschaft, die Kultur, die persönliche Alltagsgestaltung, das Konsumverhalten, die Freizeitgestaltung, die zwischenmenschliche Kommunikation und die sozialen Beziehungen. Gleichzeitig steht die Digitalisierung für Komplexität (Künstliche Intelligenz), Beschleunigung (schnelle Verarbeitung gigantischer Datenmengen), algorithmische Verhaltensanalyse (durch privatwirtschaftliche und staatliche Akteure), Verhaltensbeeinflussung (kommerzielle und politische Werbung) und immensen Energieverbrauch (Serverparks, Router, Endgeräte).
Die relativ kurze Geschichte der Digitalisierung zeigt, dass deren gravierende Transformationsprozesse nicht von staatlichen oder privatwirtschaftlichen Akteuren geplant und gesteuert, sondern viel mehr durch permanente Innovationen aus der Technosphäre selbst vorangetrieben werden. Als Meilensteine sind hier insbesondere die flächendeckende Verbreitung des Computers in der Berufswelt und den privaten Haushalten im Laufe der 1980er Jahre, die durch Tim Berners- Lee initiierte Geburtsstunde des World Wide Web am 30. April 1993 am Kernforschungszentrum CERN sowie die Einführung tragbarer, internetfähiger Endgeräte im Jahr 2007 (Apple iPhone) und dem damit verbundenen Aufstieg diverser Sozialer Netzwerke und Plattformen zu nennen. Dies alles wurde flankiert durch eine sukzessive Erweiterung von Speicherkapazitäten, die Erhöhung von Rechnerleistungen sowie Entwicklungen im Bereich des maschinellen Lernens und Künstlicher Intelligenz (KI). Politik und Wirtschaft können der enormen Dynamik der informationstechnischen Innovationen stets nur reaktiv begegnen, um später gesetzlich zu regulieren, finanziell zu fördern und in die Infrastrukturen (z. B. Ausbau des Glasfasernetzes, personelle Ressourcen, Ausbildung, Forschung) zu investieren, um im internationalen Wettbewerb um diese Zukunftstechnologien konkurrenzfähig zu bleiben.